23.9.17

GÜNTER KUNERT: DAS WUNDER




GÜNTER KUNERT


DAS WUNDER

Eine Stimme spricht
zu mir und sagt nichts.
Beiläufige Berührungen. Zu diesem Zweck
quälte sich die Amöbe aus dem Schlamm.
Das Kambrium verging wie das Tertiär,
wie das Pleistozän, wie die letzte
Woche. Täglich gehen Äonen unmerklich
verloren. Von unseren Erdentagen die Spur
Skelette in wechselnder Kombination.
Tyrannosaurus rex kannte
den aufrechten Gang lange
von Ernst Bloch. Manche glauben
an das Wunder
eines Augen Blickes. An die Auferstehung
durch Handauflegen. An die Macht
von Lauten durch Stimmbandvibration.
An alles Vielversprechende
Beiläufige Nichtssagende.

20.9.17

HILDE DOMIN: LINKE KOPFHÄLFTE




HILDE DOMIN


LINKE KOPFHÄLFTE

In dieser kleinen Halbkugel

auf der mein Haar grau wird
wohnen die Wörter
dies Wörtenest

Meine Hand

nimmt das Nest in die Hand

Die rechte sagt man

ist leer von Worten

Auslauf für das unbenutzte

Vokabular
der Erinnerung

HILDE DOMIN: DER GROSSE LUFTZUG





HILDE DOMIN


DER GROSSE LUFTZUG

Das Wort neben mir

der Saum des Worts
ganz dicht

tief atmen

die Haut
zwischen dem Wort und mir
durchatmen

der große Luftzug

in dem die Worte fliegen

18.9.17

PAUL CELAN: SPRACHGITTER




PAUL CELAN


SPRACHGITTER

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.