21.1.18

KARL KRAUS: SILVESTER 1917




KARL KRAUS


SILVESTER 1917

Dies alte Jahr versank so wehrlos
und aus der Mördergrube steht ein neues auf.
Sind denn die lieben Zeiten ehrlos?
Hemmt keine Scham der Jahre Lauf?

Ein frommes Ohr horcht in die Weiten:
nur manchmal bebt es in der Erde Raum.
Doch unerschüttert gehn die Zeiten
vorüber diesem Sündentraum.

Sie laufen fort mit den Kalendern,
im neuen Jahr das alte Werk zu fördern.
Und nehmen Abschied von der Menschheit Mördern
und sagen Prosit zu der Schöpfung Schändern.

20.1.18

GÜNTER KUNERT: GAUGIN: CONTES BARBARES






GÜNTER KUNERT


GAUGIN: CONTES BARBARES

Sie lagern in Unschuld zusammen
gebräunt und dem Kitsch kaum fern.
Die Figuren der Sehnsucht entstammen
der Palette eines älteren Herrn.
Die andere Seite des Schönen
ist Suff und Syphilis.
Daran kann man sich aber gewöhnen
bis zum entfärbten Finis.

19.1.18

WILHELM KLEMM: SEHNSUCHT




WILHELM KLEMM


SEHNSUCHT

O Herr, vereinfache meine Worte.
Laß Kürze mein Geheimnis sein.
Gib mir die weise Verlangsamung.
Wieviel kann beschlossen sein in drei Silben!

Schenk mir die glühenden Siegel,
Die Knoten die Fernstes verknüpfen,
Gib den Kampfruf aus den heimlichen Schlachten der Seele,
Laß quellen den Schrei aus grünen Waideskehlen.

Feuersignale, über Abgründe geblinkt,
Botschaften, in fremde Herzen gehaucht.
Flaschenposten im Meere der Zeit,
Aufgefangen nach vielen Jahrhunderten.

15.1.18

ROSE AUSLÄNDER: DER KAHN




ROSE AUSLÄNDER


DER KAHN

Deiner Ankunft gewärtig
mein Kahn
kennt deinen Schatten

Wo das Wasser sich spaltet
im Kahn geborgen
überlaß dich den Rudern
sie wissen den Weg

Ich ziehe die Sonnenuhr auf
sie liegt schon im Kahn
zeigerbereit

14.1.18

CHRISTINE LAVANT: WIE PÜNKTLICH DIE VERZWEIFLUNG IST


CHRISTINE LAVANT


WIE PÜNKTLICH DIE VERZWEIFLUNG IST

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!
Zur selben Stunde Tag für Tag
erscheint sie ohne jede List
und züchtigt mich mit einem Schlag.

Dann stieben Funken um mich her,
mein Herz ruft alle Engel an,
der Himmel aber ist ein Meer
und Jesu treibt in einem Kahn
sehr weit am andern Rand der Welt,
dort, wo die Helfer alle sind,
und meine letzte Hoffnung bellt
am Ufer durch den Gegenwind.

Ich spür dann, daß mich niemand hört,
und sammle still die Funken ein,
mein Herz – das knisternd mich beschwört –
wird nach und nach zum Feuerstein.